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Kettenauffahrunfälle und der Beweis des ersten Anscheins

Bei Kettenauffahrunfällen spricht der Beweis des ersten Anscheins nicht von vornherein gegen Sie als Auffahrenden

Foto: benjaminnolte – FotoliaGrundsätzlich gilt bei Auffahrunfällen, dass gegen den Auffahrenden der Beweis des ersten Anscheins spricht mit der Folge, dass, wenn es ihm nicht gelingt, einen anderen Sachverhalt nachzuweisen, ein Alleinverschulden des Auffahrenden wegen zu geringen Sicherheitsabstandes angenommen wird.

Nunmehr hat das OLG Hamm durch Urteil vom 06.02.2014 (Az.: 6 U 101/13) entschieden, dass dieser Anscheinsbeweis des zu geringen Sicherheitsabstandes bei Kettenauffahrunfällen nicht anzuwenden ist.

In dem vom OLG Hamm zu entscheidenden Fall prallte die Beklagte mit ihrem Fahrzeug als letzte von insgesamt 4 Unfallbeteiligten auf das Fahrzeug des Klägers auf. Dieser machte 100% des ihm entstandenen Sachschadens gegenüber der Beklagten geltend.

In dem Verfahren konnte nicht aufgeklärt werden, ob der Kläger seinerseits vor dem Unfall mit der Beklagten auf das vor ihm stehende Fahrzeug aufgefahren war, oder ob er sein Fahrzeug rechtzeitig angehalten und dann von dem Fahrzeug der Beklagten auf das vor ihm stehende Fahrzeug aufgeschoben worden war.

Das OLG Hamm führt in seinen Entscheidungsgründen aus, dass in dem vorliegenden Fall der für den Beweis des ersten Anscheins vorausgesetzte typische Geschehensablauf, nämlich nicht Einhaltung des Sicherheitsabstandes, nicht vorliege, wenn nicht feststeht, ob das vorausfahrende Fahrzeug rechtzeitig angehalten, oder bereits seinerseits auf das vorausfahrende Fahrzeug aufgefahren war. Es bestehe die Möglichkeit, dass der Kläger für die Beklagte unvorhersehbar und ohne Ausschöpfung des Anhaltewegs plötzlich (ruckartig) durch das Auffahren auf das vordere Fahrzeug zum Stehen gekommen sei. Daher sei es gerechtfertigt, die Betriebsgefahr beider Fahrzeug gleich hoch zu bewerten, was dann zu einer Haftungsteilung zu gleichen Teilen führte.

Das OLG Hamm hat dem Kläger dementsprechend nur ein 50%-igen Schadensersatzanspruch zugesprochen.